Auf Reisen fällt einem manchmal erst auf, wie viele Regeln des Alltags eigentlich ungeschrieben sind.
Wie lange darf ein Kind laut sein? Ist es unhöflich, im Restaurant Kopfhörer zu tragen? Muss man Blickkontakt halten? Darf man sich irgendwo auf den Boden setzen, wenn gerade alles zu viel wird?
Mit neurodivergenten Menschen unterwegs zu sein, macht solche Unterschiede besonders sichtbar.
Dabei gibt es nicht das eine Land, in dem „alles besser“ oder „alles schlechter“ ist. Vieles hängt vom einzelnen Menschen, vom Ort und manchmal schlicht von der Situation ab. Trotzdem merkt man schnell, dass Verhalten unterschiedlich bewertet wird.
An manchen Orten begegnen Menschen ungewöhnlichem Verhalten mit erstaunlicher Gelassenheit. Niemand kommentiert, wenn jemand Abstand braucht oder nicht auf eine freundliche Ansprache reagiert. Woanders scheint stärker erwartet zu werden, dass sich jeder an bestimmte soziale Abläufe hält.
Interessant ist auch, wie unterschiedlich Unterkünfte organisiert sind. Ein kleiner Campingplatz mit wenig Animation kann für jemanden mit hoher Reizempfindlichkeit ein Traum sein. Für einen anderen Menschen mit ADHS kann genau derselbe Ort nach zwei Tagen langweilig werden. Eine große Ferienanlage bietet vielleicht viele Möglichkeiten und gleichzeitig so viele Geräusche, Menschen und Eindrücke, dass Erholung kaum noch möglich ist.
Deshalb suchen wir inzwischen weniger nach dem „besten“ Urlaubsort. Wir suchen nach dem passenden.
Das hat unsere Art zu reisen verändert. Wir planen Pausen genauso selbstverständlich wie Ausflüge. Wir müssen nicht jeden Programmpunkt mitnehmen. Und wenn ein Tag hauptsächlich daraus besteht, am Wasser zu sitzen, Eis zu essen und später noch einmal schwimmen zu gehen, war er nicht verschwendet.
Vielleicht ist das sogar eine der schönsten Lektionen, die neurodivergentes Reisen mit sich bringt: Urlaub muss nicht so aussehen, wie andere ihn sich vorstellen.
Er muss zu den Menschen passen, die ihn machen.

